Leseproben

Leseproben Nachterde

 

 Leseprobe 1

 

Vor dem Gasthaus standen zwei drahtige Burschen, die den Eingang vor unbefugten Eindringlingen schützten. Dies war auch nötig, denn gut zwei Dutzend Leute drängten sich vor der Tür, um sich den Toten besehen zu können. Im Hintergrund standen einige Frauen zusammen und tuschelten; einige Buben waren auf einen Kastanienbaum geklettert, da sie hofften, von dort aus durch das Fenster einen Blick auf die Leiche werfen zu können. Doch die Vorhänge waren zugezogen, und zudem lag der Tote in einem Zimmer, das von der Vorderseite aus nicht einzusehen war.

 

„Na komm schon, Peter!“, drängte Tom und schritt lässig durch die Menge, die nun bereitwillig Platz machte. Die zwei Burschen vor der Türe, die wohl noch nicht mitbekommen hatten, wer sich ihnen näherte, stellten sich noch breitspuriger hin. Es waren zwei grobschlächtige Kerle mit wahren Schafsgesichtern; ihre Hemdsärmel hatten sie hochgeschoben, sodass die braungebrannten, sehnigen Arme zu sehen waren.

 

„Halt, hier darf niemand ohne Erlaubnis unseres Vaters hinein!“, sagte der eine von beiden, der noch den intelligenteren Eindruck machte.

 

„So, mein Junge, wer ist denn dein Vater, dass er glaubt, hier Befehle geben zu dürfen?“, fragte Tom und schob den frechen Kerl einfach beiseite. Dieser war verblüfft über diese Unverfrorenheit und wollte grob werden, doch Peter hielt ihm seinen Polizeiausweis direkt vor die Knollennase und knurrte: „Noch Fragen, Junge?“

 

Der Angesprochene antwortete nicht, doch sein Bruder prahlte plötzlich, dass ihr Vater der Bürgermeister sei und sie hier mit dieser wichtigen Aufgabe betraut habe. Peter und Tom achteten nicht auf ihn und traten ein. Ein Geruch, wie man ihn oft in alten Häusern findet, empfing die beiden. Peter schloss die Tür hinter sich; es war, obwohl draußen die Sonne schien, beinahe düster. Deshalb sahen sie im ersten Augenblick auch nicht die Magd, die mit bleichem Gesicht auf einem Holzstuhl saß und stumm die Treppe hinauf deutete.

 

„Lang nicht mehr geölt worden, das gute Teil“, sagte Peter, als sie die knarrende Holztreppe hinauf stiegen. Aus einem Zimmer am Ende des Ganges tönten zwei Männerstimmen, die sich anscheinend aufgeregt miteinander unterhielten. Die Tür stand offen, und als die Polizisten von draußen hinein blickten, bot sich ihnen ein skurriles Bild.

 

In der kleinen Kammer lag ein junger, nackter Mann tot auf dem Bett; die Laken waren zerwühlt und voller Blut, auf dem Boden lagen einige Kleidungsstücke. In einer Ecke stand zitternd ein altes, dürres Männlein, das mit ängstlichen Augen umherblickte, eine abgegriffene Mütze nervös in den Händen haltend. Neben dem Bett stand ein dickbäuchiger Mann mit Halbglatze, der soeben sagte: „Ich kann nichts Besonderes finden, der Mörder muss ein Profi gewesen sein!“

 

„Treten Sie sofort vom Toten zurück und überlassen Sie es uns, die Schlüsse zu ziehen!“, sagte Tom streng, während er eintrat. Der Mann blickte erstaunt zur Tür. Noch nie hatte es jemand gewagt, so mit ihm, dem Bürgermeister, zu sprechen. In Anbetracht seiner Würde hielt er es für angebracht, den Sprecher zurechtzuweisen, doch als er den drohenden Blick des Polizisten sah, ließ er von seinem Vorhaben ab und stammelte etwas unbeholfen: „Ich...äh…bin der Bürgermeister von…hier.“

 

„So, von hier sind Sie? Ein Wunder, dass dieses winzige Nest überhaupt einen Bürgermeister braucht!“, sagte Peter etwas abfällig. Der Bürgermeister wollte aufbegehren, doch Tom legte ihm die Hand beruhigend auf die Schulter und sagte: „Lassen Sie es gut sein, mein Herr! Wer ist denn das verhutzelte Menschlein in der Ecke dort?“

 

Das angesprochene Menschlein stellte sich selber vor, indem es eine tiefe Verbeugung machte: „Gestatten, meine Herren. Huber mein Name. Ich bin der Wirt hier. Wünschen Sie ein Zimmer?“

 

Tom beantwortete die Frage nicht und stellte stattdessen seinerseits eine Frage. „Sie haben den Toten gefunden?“

 

Anstelle des Wirtes antwortete gedankenschnell der Bürgermeister: „Ja, das hat er, und dann hat er sofort mich…“

 

Tom unterbrach ihn barsch: „Wenn ich etwas von Ihnen brauche, werde ich es Sie wissen lassen. Und nun gehen Sie hinunter in die Stube und warten dort!“

 

„Aber ich…aber wer sind Sie denn überhaupt?“

 

„Nichts aber! Kommissar Tom Tomio, und das ist mein Kollege, Peter Fleischmann. Wir übernehmen hier!“

 

Die zwei Kommissare zeigten ihre Ausweise. Der Bürgermeister schlich missmutig aus der Kammer und setzte sich unten in der Gaststube zur Magd. Peter hatte in der Zwischenzeit die Kammer etwas genauer in Augenschein genommen. Sie enthielt nur ein einfaches Bett, einen Kleiderschrank sowie einen grob gezimmerten Tisch mit zwei Stühlen. Die Wand war mit einer altmodisch geblumten Tapete verkleidet, die schon bessere Zeiten gesehen hatte. Das Badezimmer befand sich anscheinend auf dem Flur, denn es war keine weitere Tür zu sehen.

 

„Also, Herr Huber, erzählen Sie!“, richtete Tom das Wort wieder an den Wirt.

 

„Ja, meine Herren, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es war nämlich so. Gestern mittags, ich saß mit meiner Alten gerade beim Mittagessen, kam plötzlich eine feine Dame hereinspaziert, der man es sofort ansah, dass sie nicht hierher gehört. So ein Stadtmensch halt wie Sie, Herr Kommissar, aber ein blitzsauberes Ding. Ich kenne ihren Namen gar nicht, denn sie hat sich nämlich noch nicht ins Gästebuch eingetragen.“

 

Beim Gedanken an die Dame fingen seine Augen an zu glänzen, und aus seinem Mund rann etwas Speichel, den er sich verschämt mit dem Ärmel seiner Jacke wegwischte.

 

„Nun, sie sagte, sie sei zum Wandern hier und brauche ein Nachtquartier für ein paar Tage. Ha, am liebsten hätte ich ihr meine Kammer angeboten, denn.…“

 

„Behalten Sie Ihre schmutzigen Gedanken für sich! Ich will nur die Fakten!“, fiel ihm Tom in die Rede.

 

„Na, wie Sie meinen. Jedenfalls hab ich ihr die Kammer hier gegeben. Für einen Stadtmenschen etwas wenig Luxus, aber sie war damit zufrieden. Ich lud sie noch ein, mit uns einen Teller Suppe zu essen, es gab selbst gemachte Milzschnitten, müssen Sie wissen. Doch sie schien es sehr eilig zu haben und war schon wieder zur Tür hinaus.“

 

„Wohin ist sie gegangen?“

 

„Was weiß ich? Zum Wandern wohl nicht, das Wetter war ja gestern nicht danach, und ihr Gewand taugte dazu auch nicht. Auf jeden Fall kam sie abends wieder und ging sofort in ihre Kammer. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen.“

 

„Weiter, was ist dann passiert? Wo kommt der junge Mann her?“

 

„Sachte, sachte. Also, ich bin gestern ziemlich früh schlafen gegangen. Mein Weib schläft in einer separaten Kammer, sie schnarcht nämlich wie ein Schmied. Und wie ich so in Orpheus Armen liege…“

 

„Morpheus!“, verbesserte Peter.

 

„...da höre ich plötzlich ein Gepolter. Ich denke mir: Träum ich oder wach ich? Doch meine Angetraute stürzt plötzlich herein, da auch sie den Krach gehört hatte. ‚Es ist jemand im Haus, Gustl’, flüstert sie. Ich stürze also zum Waffenschrank, reiße mein Gewehr an mich und stürme los, um der Ursache auf den Grund zu gehen.“

 

Das alte Männlein war kein Held, das sah man sofort. Deshalb hielt Tom es für wahrscheinlicher, dass er seinen Waffenschrank vor die Tür geschoben und sich zusammen mit seinem Weib unter die Bettdecke verkrochen hatte, bis die Luft rein war. Er warf Peter einen bezeichnenden Blick zu. Dieser hatte ihn verstanden und nickte zustimmend.

Leseprobe 2

 

Der Mönchsgesang war nun nicht mehr zu hören, nur die Schritte der ihn begleitenden Mönche hallten geheimnisvoll durch das alte Gemäuer.

 

Es ging durch mehrere Gänge, bis sie plötzlich an eine Treppe gelangten, die anscheinend in einen Turm hinauf führte, der Tom bei seinem Spähgang nicht aufgefallen war. Es war unheimlich und düster, denn obwohl die Sonne schien, gelangten nur vereinzelt Strahlen durch die spärlichen, kleinen Fenster in den Turm. Die Treppe führte in mehreren Windungen steil nach oben, ohne dass sie an eine Tür kamen, bis sie schließlich ganz oben angelangt waren. Hier gab es keine Fenster, doch an der Wand steckten zwei Fackeln, die ein gespenstisches Licht auf die Ankömmlinge warfen. Einer seiner Begleiter schritt zur einzigen Tür und klopfte kräftig. Es dauerte einige Zeit, bis sich ein verärgertes „Herein“ hören ließ. Der Mönch öffnete, trat ein und schloss die Tür hinter sich. Bald drang ein scharfes Wortgefecht nach außen, das mehrere Minuten andauerte. Tom konnte die einzelnen Worte nicht verstehen, doch schien der Abt äußerst erzürnt zu sein. Als der Mönch wieder heraustrat, sagte er zu Tom, dass der Abt ihn nun empfangen würde. Der Kommissar trat ein, hinter ihm wurde die Tür wieder geschlossen. Er war mit dem Abt allein. Dieser war ein alter Mann, dem die Last der Jahre den Rücken gekrümmt hatte. Eine alte Hornbrille saß auf seiner krummen Nase, tiefe Furchen durchzogen sein Gesicht. Er saß an einem Schreibtisch hinter einem Berg alter Bücher, nur sein Gesicht war zu erkennen. Da der Abt sich nicht um den Besucher kümmerte, nutzte dieser die Zeit, sich im Raum umzusehen. Das Turmzimmer war zwar klein, aber prachtvoll ausgestattet. Es war wohl das Arbeitszimmer des Abtes, denn überall standen und lagen Bücher und Schriftrollen herum. Der Boden war mit einem samtroten Teppich ausgekleidet, in der Ecke stand ein prächtiger, antiker Diwan, und an den Wänden hingen allerlei Kunstgegenstände, deren Herkunft und Bedeutung Tom nicht ergründen konnte. Auf einem Tischchen vor dem Diwan stand eine Obstschüssel mit köstlichen Früchten. Der Raum wies zwar mehrere Fenster auf, doch hatte der Abt zusätzlich noch eine kleine Lampe auf seinem Schreibtisch stehen.

 

Plötzlich zuckte Tom zusammen. Der Abt hatte das Buch, in das er vertieft gewesen war, geräuschvoll zusammengeklappt, legte nun seine Brille auf den Tisch und erhob sich, um den ungebetenen Gast endlich zu begrüßen. Er war von kleinem Wuchs, doch schien er trotz seines hohen Alters und seiner gebeugten Gestalt recht flink zu sein. Er kam um den Schreibtisch herum getippelt und versuchte, ein recht freundliches Gesicht zu machen, was ihm aber nicht so richtig gelingen wollte. Hinter der aufgesetzten Freundlichkeit lauerten Heimtücke und Falschheit; dies glaubte Tom sofort zu wissen, als der alte Mann ihm die Hand zum Gruß entgegen streckte.

 

„Willkommen“, sprach der Abt mit einer hohen Fistelstimme, die so gar nicht zu seiner Würde zu passen schien. „Ich bin Bruder Johannes, der Abt von Schwarzdorf. Ich hörte, dass Ihr mich zu sprechen wünscht?“

 


Leseprobe 3

  

 

Dies ließ der Kommissar sich nicht zwei Mal sagen. Er bedankte sich fürs Essen, verließ die Gaststube und machte sich auf den Weg zur Metzgerei. Bald schon stand er vor einem Laden, über dem in alten, verwitterten Buchstaben „Metzgerei Schnelle“ stand. Darunter hatte man per Hand, in einer unbeholfenen Schrift mit grellroter Farbe, den Zusatz „und Sportbedarf“ dazugepinselt. Tom schmunzelte und betrat neugierig den Laden. Ein helles Glöckchen, das die sich öffnende Tür anschlug, kündigte dem Metzgermeister, der breit und stämmig hinter der Wursttheke stand, den Besuch an.

 

„Kommt ein Herr hereinspaziert,

 

wird ihm gleich die Wurst serviert“, schallte es Tom fröhlich zur Begrüßung entgegen.

 

„Die Würste mögen lecker sein,

 

doch ich kauf gleich was andres ein!“, konterte er schlagfertig.

 

Der Metzger stand kurze Zeit wie gelähmt da und starrte den Kommissar mit offenem Mund an, als ob er einem Geist begegnet sei. Dann sprudelte es plötzlich aus ihm heraus: „Ah, ein Dichterkollege. So eine Kapazität wie Sie kommt mir sonst nie in den Laden, ein Bruder im Geiste, ein Dichterfürst aus der Fremde, ich bin begeistert. Ich werde sofort meinen Laden schließen. Wir werden uns zusammensetzen, um gemeinsam zu dichten. Hier in diesem Dorf wird man nur ausgelacht, wenn man dieser holden Kunst frönt. Doch nun sind Sie da, und alles wird gut!“

 

Nun war es an Tom, den dichtenden Metzger anzustarren, denn so eine Begrüßung hatte er nicht erwartet. Abgesehen von der Tatsache, dass die Künste des feisten Metzgers sich wohl in einem bescheidenen Rahmen hielten, hatte er nicht die Muße, sich der holden Kunst des Dichtens zu widmen.

 

„Werter Metzger“, entgegnete er schließlich. „Es schmerzt meiner zarten Seele, Euer Verlangen für heute nicht stillen zu können. Niedere Aufgaben, eines Dichters beinahe unwürdig, harren meiner. Und dafür benötige ich allerlei Tand!“

 

Der dichtende Metzger sprach enttäuscht:

 

 

 

„Und will das Herz mir auch zerspringen,

 

so werd ich Euch die Sachen bringen,

 

gestatten, dass ich mich vorstelle:

 

man nennt mich Metzgermeister Schnelle!“

  

 

Tom musste zugeben, dass der Metzger trotz seiner mittelmäßigen Reime ein gewisses Improvisationstalent an den Tag legte, konnte sich aber nicht dazu aufraffen, sein Talent auch noch einmal zu zeigen. Stattdessen erklärte er dem guten Mann, was er benötigte, und wurde von dem verhinderten Dichter in einen Nebenraum geführt, in dem allerlei Sportutensilien herumlagen, teils auf Regalen, teils in halb geöffneten Kisten. Tom fand nach einigem Suchen das, was er benötigte: einen reißfesten Rucksack, eine handliche Taschenlampe nebst Batterien sowie ein zwanzig Meter langes Seil. Er verlangte noch nach fingerlosen Handschuhen, doch diese hatte der gute Metzger nicht im Angebot, sodass er stattdessen ein Paar billiger Lederhandschuhe erstand, die er sich gleich im Laden zurechtschneiden ließ. Als es ans Bezahlen ging, holte Tom seine Kreditkarte hervor und reichte sie dem Metzger. Der überforderte Metzger nahm sie widerwillig entgegen und mühte sich mehrere Minuten vergeblich mit dem Lesegerät ab. Er war dermaßen konzentriert, dass er beinahe das Luftholen vergaß. Er schien dem Erstickungstod schon nahe, als Tom ihn erlöste und erklärte, er wolle lieber in bar zahlen. Sichtlich erleichtert gab der Metzger ihm die Karte zurück und tat die Sachen in eine Tüte, in die er als Draufgabe noch ein paar fette Schweinswürste und Kaminwurzen fallen ließ.

 

„Als kleines Geschenk unter Kollegen“, meinte er und lachte übers ganze Gesicht.

 

Der Kommissar bedankte sich artig, grüßte freundlich und ging dann zur Tür. Als er mit einem Bein bereits draußen war, überkam ihn der Schalk und er reimte, jedoch ohne sich zum Metzger umzudrehen:

 

 

 

„Der Metzger ist ein feiner Mann,

 

den ich nur heftig loben kann,

 

die Würste werd’ ich brav verzehren,

 

und irgendwann auch wiederkehren.“

 

 

 

Der Metzger quietschte vor Vergnügen wie eines der Schweine, die er zu Würsten zu verarbeiten pflegte, und begann nun, eine wahre Orgie der dörflichen Dichtkunst über den armen Kommissar zu schütten, der sich dieser Ehre aber durch eine schnelle Flucht schmunzelnd entzog.

 

 

 

 

 Leseprobe 4

 

In diesem Moment schaute Hu durchs Fenster und sagte: „Tom, das solltest du dir anschauen!“

 

Tom eilte nach draußen, gefolgt von der Frauenschar. Niemand sprach ein Wort, denn der Anblick, der sich ihnen bot, war beeindruckend und beängstigend. Der kleine Schutzbereich war von einer gewaltigen Anzahl von Eismenschen umzingelt, die einen Kreis gebildet hatten, in sicherem Abstand zum warmen Zentrum, doch bedrohlich nahe. Sie standen nur da, einer neben dem anderen, und blickten herüber, ohne ein Wort zu sagen. Diese Stille machte die Situation noch unheimlicher.

 

„Das müssen Hunderte sein!“, empfing Hu seinen Freund. „Ein Glück, dass wir hier sicher vor ihnen sind.“

 

„Aber wie lange, mein Freund, wie lange! Wer weiß, welche teuflischen Absichten sie hegen! Mit zehn von diesen Kerlen nehme ich es gerne auf, aber gegen diese Anzahl…! Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden!“

 

„Wenn das so einfach wäre!“, seufzte die Anführerin. „Wie soll das gehen?“

 

„Nur mit einer List!“, sagte Tom leise.

 

In diesem Moment öffnete sich an einer Stelle der dichte Ring der Eismänner. Dahinter wurde eine imposante Gestalt sichtbar, die stolz und grimmig auf sie zukam.

 

„Der Eisige!“, riefen die Frauen und Mädchen und verschwanden wieder in ihren Hütten, nur die Anführerin blieb bei den Männern.

 

Das war also der berüchtigte Eisgeist! Im Gegensatz zu seiner bewaffneten Schar schien er nicht ganz aus Eis zu bestehen. Er war vielmehr eine Mischung aus Fleisch und Eis, und an manchen Stellen sah man, wie das Blut durch die Adern seines Körpers gepumpt wurde. Er war größer als die anderen und schritt, den Hammer in seiner Faust, langsam näher. Da er wohl etwas resistenter gegen die Wärme war, konnte er näher herankommen, doch fünfzig Meter vor den Hütten war auch für ihn Schluss. Er schien schwer zu atmen, als er stehen blieb und seinen Hammer in den Boden stemmte. Er sagte kein Wort und warf nur grimmige Blicke aus seinen toten, eisfleischigen Augen. Auch die Eingeschlossenen verhielten sich ruhig, niemand schien das erste Wort sprechen zu wollen. Schließlich verlor der Eisschmied die Geduld, seine Stimme klang wie das Grollen des Donners, doch lag auch das eisige Pfeifen eines heftigen Sturms in diesem Grollen.

 

„Wer wagt es, mein Reich zu betreten?“

 

Keine Antwort.

 

„Wer wagt es, mein Reich zu betreten?“, wiederholte der Eisige, noch drohender, doch wiederum bekam er keine Antwort.

 

„Ich frage nun zum dritten Mal: Wer betritt mein Reich?“

 

Hu stupste Tom an, der sich räusperte, einige Schritte nach vorne trat, sein Schwert in die Höhe reckte und mit lauter, fester Stimme rief: „Hier stehen zwei Helden aus der Ferne. Dies ist der Südliche Drache und mich nennt man den Nördlichen Phoenix! Wir sind gekommen, um die Frauen und Mädchen zu befreien!“

 

Ein lautes, eisiges Gelächter der Eiskrieger war die Folge, und Hu fragte flüsternd: „Südlicher Drache, Nördlicher Phoenix?“

 

„Mir fiel auf die Schnelle nichts Besseres ein, Hu!“, flüsterte Tom.

 

Der Eisschmied schien trotz seiner bedrohlichen Erscheinung Humor zu haben, denn er stimmte in das Gelächter seiner Eiskumpane mit ein.

 

„Ha! Von Euch zwei seltsamen Gesellen habe ich noch nie etwas gehört! Südliche Taube und Nördliche Wachtel? Ihr müsst mir schöne Helden sein! Zwei armselige Menschlein. Seht Euch doch um, was wollt Ihr gegen meine eisigen Krieger ausrichten? Warum hat man mich überhaupt gerufen? Ihr habt Euch selbst in Euer Gefängnis begeben und werdet hier nie mehr lebend herauskommen!“

 

Damit drehte er sich um und ging lachend davon. Hinter ihm schloss sich der Kreis wieder, und als das Lachen des Eisschmiedes in der Ferne verklungen war, herrschte wieder gespannte Ruhe.

 

„Hm, das könnte man glatt einen Kurzauftritt nennen!“, sagte Hu, und Tom antwortete schmunzelnd: „Ja, aber gekonnt in Szene gesetzt!"

 

 


Leseproben Kriminalmeister Gutmann

 Leseprobe 1

 

Die Anstrengungen der letzten Wochen und die nächtliche Wanderung machten sich deutlich bemerkbar. Sein Körper verlangte nach Ruhe.

 

Allzu lange war ihm diese jedoch nicht vergönnt, denn bereits nach gut einer halben Stunde wurde er unsanft aus dem Schlaf gerissen, als ein grober Kerl ihn derb mit den Spitzen seiner blankgeputzten Lederstiefel anstieß.

 

„Steh auf, du bärtiger Lump und troll dich von dannen! Ab mit dir ins Armenviertel, wo du hingehörst!“

 

Johann öffnete erschrocken seine Augen und starrte den Sprecher an, der drohend über ihm stand und auf ihn herabblickte. Der Mann war mittleren Alters und äußerst gut gekleidet. Er verbreitete einen penetranten Rosenduft, der aus all seinen Poren zu strömen schien und in Johanns Nase kroch. Der Kriminalmeister war ungewaschen und hatte sich seit Tagen nicht rasiert, weshalb er auf den ersten Blick in den Augen des Störenfriedes einen üblen Eindruck machte. Dies war jedoch kein Grund, Johann zu den Lumpen zu rechnen.

 

„Was erlaubt Ihr Euch, mein Herr?“, zischte Johann giftig und stand auf. Der Mann wich ein paar Schritte zurück. „Ich bin kein Hund, dem man eben mal so seine Stiefel zu kosten gibt!“

 

„Na, das Bürschchen wird auch noch frech! Ich werde dich gleich an deinen dreckigen Ohren packen und dich von hier wegzerren, wenn du weiterhin in solch einem Ton mit dem Stadtschreiber Meier sprichst!“

 

„Ah, ein Schreiber! Nun gut, Mann der Feder, schreibt Euch dies hinter Eure wohlparfümierten Ohren: Wer dem Johann Gutmann so daherkommt, der wird sich eine blutige Nase holen! Verstanden?“

 

„W…was?“, stammelte der Stadtschreiber erstaunt und taumelte zurück. So hatte noch nie jemand gewagt, mit ihm zu reden. „Was für eine Unverschämtheit! Ich werde die Kriminalgehilfen holen. Der Kerker wird…“

 

„Genug jetzt!“, unterbrach ihn Johann. „Ich will Euch zugutehalten, dass es noch früh am Morgen ist und Ihr Eure Sinne noch nicht beisammen habt. Ansonsten müsste ich wahrlich an Eurem Verstand zweifeln, da Ihr einen Kriminalmeister dermaßen abschätzig behandelt!“

 

Leseprobe 2

 

 

Johann war einverstanden, und so lenkten sie ihre Schritte nach Nordosten und schritten den Weg hinauf zum Schloss. Schon von weitem sahen sie mehrere schwere Karren, vor die kräftige Ochsen gespannt waren. Sie standen vor einem Nebeneingang des Schlosses. Einige Bedienstete waren damit beschäftigt, Weinfässer von den Karren zu heben und in den Schlosskeller zu schaffen. Die Kriminalmeister steuerten auf die Ochsenkarren zu. Dort stand ein älterer Mann, der die arbeitenden Bediensteten beaufsichtigte und Zahlen auf ein Papier kritzelte. Zu diesem Zweck hatte er ein großes Tintenfass an der Seite baumeln, in das er von Zeit zu Zeit seine Schreibfeder tauchte. Das Fass war an einem Lederriemen befestigt, den er sich um den Hals geschlungen hatte. Das Papier lag auf einer kleinen Holztafel, die er in der rechten Hand hielt. Mit der linken Hand führte er die Feder, die jedoch augenscheinlich die schlechte Angewohnheit hatte, auf dem Weg zur Holztafel einen Teil der aufgesaugten Flüssigkeit zu verlieren. Zahlreiche Tintenspritzer auf der Kleidung des Mannes und auf dem Boden gaben davon Zeugnis.

 

„Guten Tag“, grüßte Johann lächelnd.

„Ruhe, wie soll man sich denn da konzentrieren!“, zischte der Mann verärgert und machte mit der Hand, in der er die Feder hielt, eine wegwischende Bewegung, wodurch eine wahre Tintenfontäne auf einen der Arbeiter niederging, der das Pech hatte, eben in diesem Augenblick vorbeizugehen. Der Arbeiter nahm es gelassen und ging unverdrossen weiter. Die Kriminalmeister ließen sich natürlich nicht vertreiben und blieben erheitert stehen, um das Schauspiel zu genießen.

 

Leseprobe 3

 

 

Kurze Zeit später standen sie vor einer Holztür, die verschlossen war. Magnus zog einen Schlüssel hervor, öffnete und machte Platz. Johann ging an ihm vorüber hinein, doch nach wenigen Schritten blieb er stehen. Das Zimmer war augenscheinlich ein Wohnbereich. Im Hintergrund stand ein Bett, in einer Ecke befanden sich ein Tisch, ein Spiegel und eine Wasserschüssel. An den Wänden standen alte Möbel. In der Mitte des kreisrunden Raumes aber erblickte Johann ein seltsames Gebilde, das er im ersten Moment nicht bestimmen konnte. Euwart zwängte sich, da Johann den Weg nicht freigeben wollte, am Kriminalmeister vorbei.

 

„Ah“, entfuhr es ihm, „welch krankes Schwein kann so etwas…“

 

Er sprach nicht weiter und ging keuchend in die Hocke. Johann warf ihm einen kurzen Blick zu und trat näher. Nun erst konnte er erkennen, dass er die tote Frau vor sich hatte. Ihr nackter, toter Körper stand aufrecht, gebunden an eine kleine Steinsäule, die sich in der Raummitte befand. Um ihren Hals und ihren Oberkörper waren dicke Lederriemen geschlungen, die dermaßen fest angezogen waren, dass sie tief ins Fleisch gedrungen waren und die Leiche an der Säule festhielten. Der Körper der Frau, mit Ausnahme der Füße und des Kopfes, war mit zahlreichen Federn versehen, die mit einer Art Leim auf die Haut geklebt worden waren. Die Tote machte den Eindruck eines riesigen menschlichen Vogels. Diesen Eindruck verstärkte die Tatsache, dass die Nase der Frau abgeschnitten worden war. An deren Stelle steckte ein Vogelschnabel, auf einem dünnen Holzstab befestigt, der dort in den Kopf eingetrieben war, wo früher das Riechorgan seinen Sitz hatte. Die Augen waren ausgestochen, und ein Blick auf die hinter der Säule gefesselten Hände zeigte, dass fünf der Finger fehlten. An den noch verbliebenen Fingern waren Vogelkrallen angeleimt.